Fünfzig Jahre Deutscher Akkordeonlehrer-Verband

Eine Verbandsgeschichte

Der Deutsche Akkordeonlehrer-Verband nimmt in der deutschen Musikverbandswelt eine gewisse Sonderstellung ein, ist er doch als Instrumentallehrer-Verband speziell auf ein Instrument ausgerichtet. Wie es zu der Interessengemeinschaft kam und welche Entwicklung sie nahm, das hat Wolfgang Eschenbacher in einer Festschrift festgehalten. Einige ausgewählte Kapitel können im folgenden hier nachgelesen werden.

Dem Fachlehrer für das Harmonika-Instrumentarium voraus ging die Gründung des Deutschen Handharmonika-Verbandes im Jahre 1931, eines Dachverbandes für die stetig wachsende Zahl von Amateur-Spielgruppen, die sich zu gemeinsamem Musizieren in Harmonika-Vereinen, Harmonika-Clubs, Harmonika- oder Akkordeonorchestern trafen. Diese Vereinigungen verdankten – ebenso wie auch der D.H.H.V. (so die damalige Abkürzung, noch mit Pünktchen; heute gekürzt DHV: Deutscher Harmonika Verband) – ihre Entstehung einer kräftigen Unterstützung durch die Trossinger Harmonikafirma Hohner. Doch für eine Schulung der Vereinsmitglieder an ihren Instrumenten gab es keine fachlich einigermaßen kompetenten oder gar akademisch ausgebildeten Lehrer. Man erkannte bald, dass diese Laienorganisation solche Lehrer zur weiteren Existenz brauchte. Verbandsinitiativen mit Schnellkursen zur Heranbildung von halbwegs geschulten Kräften konnten nur eine Notlösung bleiben. Da an eine Hochschulausbildung noch nicht zu denken war, suchte deshalb die Firma Hohner – damals die größte Harmonikafabrik weltweit – einen eigenen Weg zur Ausbildung von Lehrern. Für die Leitung einer entsprechenden Schule bemühte man sich um eine anerkannte Fachkraft. Die Firma fand in Hugo Herrmann, einen dem Donaueschinger Komponistenkreis verbundenen Komponisten, eine Persönlichkeit, die Direktor Ernst Hohner 1935 mit dem Aufbau einer fachlich fundierten Ausbildungsstätte betraute. Aus dem zunächst Hohner Handharmonika-Fachschule benannten Provisorium wurde dann nach vielen Kämpfen mit der Reichsmusikkammer 1943 die ‘Städtische Musikschule’ (ein missverständlicher Name, der nicht verglichen werden sollte mit heutigen kommunalen Musikschulen). Die Ausbildung gelangte nunmehr in geordnete Bahnen, und sowohl über die Kriegszeit als auch sofort danach wurden kontinuierlich Akkordeonlehrer ausgebildet, die inzwischen auch ‘mit staatlicher Anerkennung’ ihre Prüfung dort ablegen konnten (siehe dazu Wolfgang Eschenbacher: Das Hohner Konservatorium Trossingen. Die Geschichte einer besonderen Ausbildungsstätte für Instrumentallehrer. Trossingen 2000). Noch in den 1950er Jahren blieb die Schule – trotz Karlsruhe – die dominierende Ausbildungsstätte für diesen Beruf. (In der damaligen DDR suchte man eigene Wege). So ist es nicht verwunderlich, wenn zu jener Zeit Initiativen zur Kultivierung des Akkordeonspiels im Westen weitgehend über die Firma Hohner in deren Ausbildungsstätte liefen.

Titelseite Heft 1 der Zeitschrift  „Der Harmonikalehrer“

Im Jahre 1952 wurde von dem damals stellvertretenden Trossinger Schulleiter Dr. Armin Fett die Zeitschrift DER HARMONIKALEHRER gegründet. Es war der Versuch, ein Sprachrohr für den jungen Stand des Harmonikalehrers zu schaffen.

Der Direktor der ‘Städtischen Musikschule Trossingen’, Professor Hugo Herrmann, schrieb im Geleitwort zur Nr.1 der Zeitschrift im Juli 1952 u.a.:

„Eine neue Aufgabe steht vor uns. Es ist die Zusammenfassung und Festigung unseres Standes, der sich, so jung noch, in den letzten Jahrzehnten heranbildete. Die Kollegenkreise des Tonkünstler-Verbandes stehen diesem Stande heute immer noch mit einigem Befremden gegenüber. Unser Streben ist, durch gleiche Bildung die kulturelle und damit auch soziale Gleichberechtigung in der Gemeinschaft aller zu erreichen. Das erreichen wir aber nicht, indem wir auseinanderstreben und keiner sich um den anderen kümmert. Wir müssen zusammenstehen und eine Gemeinschaft bilden. Die fortlaufende Serie dieses nun neu erscheinenden Mitteilungsblattes unseres Institutes, der Mutter aller Harmonikalehrer, sieht eine Aufgabe in der geistigen Ausrichtung unserer Kollegen und in der Stärkung ihrer Stellung in der musikalischen Öffentlichkeit. Zwei Dinge tun da not:

  1. Stetige Weiterbildung des einzelnen Lehrers und Dirigenten und
  2. Solidarische Einfühlung in die pädagogischen und musikalischen Aufgaben des Standes und seiner Stellung zu allen Fragen der Volksbildung.“

Dieser Text vermittelt einen Eindruck von der Situation des neuen Musiklehrerstandes zu jener Zeit. Hugo Herrmanns Worte sind geprägt von dem großen Idealismus, mit dem er „seine Lehrer“ (wie er sie stets zu bezeichnen pflegte) von der Trossinger Schule ins Berufsleben entließ. Die Schule als „Mutter aller Harmonikalehrer“ zu bezeichnen, offenbart den festen Glauben an seine Mission, und den jungen Lehrern seinen Enthusiasmus mitzugeben ( gar „Volksbildung“ schwebte ihm vor), war eigentlich alles, was er ihnen zunächst für die kommende Praxis anbieten konnte. Es fehlten fast alle beruflichen Voraussetzungen, wie instrumenteneigene Literatur, spiel- und unterrichtsmethodische Grundlagen und vor allen Dingen Anerkennung, die sich auch mit Trossinger Ausbildung noch lange nicht einstellen sollte. Das Harmonika-Instrumentarium galt den Vertretern traditioneller Kulturinstrumente sowieso nicht als beachtenswert.

So hatte dieser neue Instrumentallehrer-Stand seine Wurzeln vorwiegend in der Städtischen Musikschule Trossingen und damit – weil ohne sonstige Unterstützung – in einer gewissen Abhängigkeit von dem Träger, der Harmonikafirma Hohner. Das machte ihn in herkömmlichen Instrumentallehrerkreisen neben dem nicht anerkannten Instrumentarium stets etwas suspekt.
Nachdem nun zu Beginn der 1950er Jahre bereits sehr viele Harmonikalehrer in Trossingen ausgebildet worden waren, wurde in deren Kreisen der Wunsch ventiliert, einen eigenen Berufsverband ins Leben zu rufen, eine Art Selbsthilfeorganisation auch gegenüber der häufig anzutreffenden Ablehnung aus anderen Musiklehrerkreisen. Besonders Hugo Herrmann machte sich für eine solche Vereinigung stark. Dabei hatte er natürlich auch die Hoffnung, die Trossinger Absolventen stets in ihrem Tun verfolgen zu können, zumal er von der Annahme ausging, die meisten würden sich selbstverständlich in einem solchen Verband organisieren lassen. Herrmann war sich offensichtlich völlig darüber im Klaren, dass die Trossinger Ausbildung noch viele Mängel aufwies und stete Fortbildung unerlässlich war. Ursache waren nicht nur die bis dahin sogar an der Trossinger Schule noch nach weitgehend autodidaktischer Schulung unterrichtenden Lehrkräfte, sondern mehr noch die vielen spiel- und unterrichtsmethodischen Probleme, die vor allem das Akkordeon einer angestrebten künstlerischen Ausbildung bereitete. Erst im Jahre 1949 z.B. erschien ein erstes Schulwerk, das den Versuch machte, das Akkordeon nicht vom Klavier aus zu lehren, sondern als Instrument mit ganz eigener Spielweise: ‘Der neue Lehrweg’ von dem Trossinger Lehrer Franz Krieg.

Professor Hugo Herrmann (1896 -1967) Ehrenpräsident

Besonders nach dem 2.Weltkrieg begannen mehr und mehr ausgebildete Lehrer, das Instrumentarium auf zunehmend besserer Grundlage zu unterrichten. Für notwendige weitere berufliche Hilfen hielten sie stets Verbindung zur Trossinger Schule, wenn das auch direkt nach dem 2.Weltkrieg durch die Abschottung der 4 Besatzungszonen untereinander zunächst erschwert war. Doch der Wille, durch Organisation Kontakt zu halten, war ungebrochen, und so kam es, dass über diese schwierige Zeit einige Harmonika-Verbände in Deutschland gegründet wurden, ohne Absprache mit der einstigen Trossinger Zentrale. Erst 1948 ging auch von Trossingen wieder eine Initiative aus mit der Gründung des ‘Bundes deutscher Handharmonikavereine’ (BdHF); mit neuem Namen deshalb, weil sich ein rheinländischer Verband den alten gesichert hatte. Diese verschiedenen Verbände harmonierten nach Überwindung der Zonengrenzen lange Zeit überhaupt nicht, und die Querelen sollten auch für die kommenden Aktivitäten des zu gründenden Lehrer-Verbandes noch Sorgen bringen (Siehe dazu Wolfgang Eschenbacher: Musik und Musikerziehung mit Akkordeon. Die Entwicklung eines Instruments und seiner Musik in Deutschland seit 1930 und in der Bundesrepublik bis 1990. Bd. II, Trossingen 1993).
Für die wachsende Zahl von jungen Akkordeonlehrern waren die auf das Vereinswesen fixierten Verbände nicht die richtige Adresse, zumal man gerade in Trossingen vor allem mit Akkordeonorchestern am meisten Breitenwirkung für das Trossinger Instrumentarium – also letztlich im Sinne der Firma Hohner – zu erzielen hoffte. Doch den Lehrern ging es nicht nur um eine Tätigkeit als Orchesterleiter, sondern vorwiegend um qualifizierte pädagogische Unterrichtstätigkeit. Sie wollten die bei Hugo Herrmann empfangenen Ideale umsetzen: gute Ausbildung von Akkordeonschülern und eine Aufwertung des Instruments. Daher auch wuchs der Drang nach Organisierung des neuen Berufsstandes.

Konkret wurde dieser Wille dann 1953. Es existiert ein
„Protokoll über die Diskussion betr. Gründung eines Harmonikalehrer-Verbandes während der Harmonikalehrer- Tagung am 8.März 1953 in Stuttgart“. Bislang fanden schon einige solcher Lehrer-Tagungen auf Einladung Hugo Herrmanns statt, ausgehend also noch von der Städtischen Musikschule Trossingen mit dem Ziel, die ehemaligen Abgänger der Schule zur Fortbildung zusammenzuführen. Bei dieser Tagung jedoch stand eindeutig der Wunsch im Vordergrund, endlich eine eigene Organisation zu gründen.
Verschiedene Meinungen zu dem Gründungsvorschlag sind festgehalten. So heißt es u.a.:
„Wir stehen (als Lehrer) kulturell wie wirtschaftlich an einem Abgrund … Nichtanerkennung … Man sagt: Das ist ja nur ein Volksmusikinstrument, das gehört nicht in die Klasse der anderen Instrumente … Dabei hat jeder von uns das letzte hergegeben, um ein Studium zu ermöglichen … Unterrichtspreise werden von Nichtausgebildeten unterboten … Wir dürfen nicht zulassen, daß Unterricht von jedem durchgeführt werden darf, unsachgemäß und unfachmännisch … Jeder kämpft um die Ideale des Akkordeons … Es ist bei der Struktur unserer Arbeit notwendig, daß wir uns selbst vertreten, nicht durch andere Verbände vertreten lassen … Zuerst muß ein Verband da sein … Wir müssen einfach ins Wasser springen, dann können wir auch schwimmen … Das anwesende Gremium ist zu groß, die Diskussionen würden ins Uferlose gehen …Am besten ist es, einen Ausschuß zu wählen, der Satzungen ausarbeitet und das nächste Mal vorlegt …“
Dieser „Arbeitsausschuss“ wurde gewählt, und am 12.April 1953 tagte er „in den Räumen der Musikschule Geisel in Frankfurt/Main“. Im Protokoll heißt es weiter: „Der Arbeitsausschuss war vertreten durch folgende Personen:
Die Herren
Alfred Geisel, Frankfurt/Main, Vorsitzender
Heinz Funk, Hamburg
Reinhold Stapelberg, Hamburg
Erich Läßle, Geislingen a.d.St.
Ernst Ditzuleit, Karlsruhe
Ludwig Brückl, München und
Fräulein Rosemarie Molitor, Wiesbaden“

Quelle: Wolfgang Eschenbacher: 50 Jahre Deutscher Akkordeonlehrer-Verband e.V.